schwanger

Studium

1. Semester, ETH Zürich

Professur

Karin Sander

Jahr

2015

„I am sitting in a room different from the one you are in now…“
Indem Alvin Lucier diesen Satz immer wieder aufnimmt und abspielt und das Abgespielte nochmals aufnimmt, lässt er einen Raum entstehen, der einerseits derselbe ist wie derjenige, in dem die Zuschauer sitzen, aber doch ein anderer, weil der Klang um Alvin Lucier einen neuen Raum schafft. Es entsteht also ein Raum im Raum durch die Resonanz zwischen dem Sprechenden und dem Raum. Die wiederholten Tonbandaufnahmen bringen dies künstlerisch zum Ausdruck. Den neuen (Klang)-Raum können zwar alle wahrnehmen. Aber nur der Sprechende, Alvin Lucier, kann Teil davon sein.
Vergleichbares findet in meiner Interpretation des Satzes statt. Das Kind befindet sich in einem Raum, den zwar jeder wahrnimmt, aber nur das Kind ist Teil davon. Ausserdem ist das Kind stets im selben Raum wie die Mutter und doch nicht. Umgekehrt betrachtet, hat die Mutter den Raum, in dem sich das Kind befindet, stets bei sich, kann ihn aber doch nie so sehen wie das Kind, nämlich von innen. Wie nimmt die Mutter dann wahr, dass da etwas ist, was sie nach den Regeln der Natur das erste Mal nach 9 Monaten zu Gesicht bekommt? Wie fühlt sich das an? Und was ist mit dem Raum, der entsteht? Wie erlebt man den Raum? Wie merkt das Baby, dass es nicht alleine ist? Wie sind die Verbindungen zwischen den Räumen? Selber beantworten kann ich diese Fragen alle nicht. Ich bin ein Mann und werde mich auf Erzählungen verlassen müssen, da ich nicht Teil dieser Interaktion bin. Um dieser Erfahrung trotzdem ein Stück näher zu kommen, habe ich ein Interview mit einer Frau geführt, die erst kürzlich Mutter geworden ist. Das Kind ist schon geboren, die Erinnerungen sind noch frisch.
In der künstlerischen Umsetzung wird der Mutterbauch abstrakt dargestellt durch einen Gipstorso, der einer schwangeren Frau abgenommen wurde. Die Herztöne und die Geräusche im Mutterleib sind Teil der Interaktion, die den neuen Raum entstehen lässt. Die Herztöne und die Geräusche werden durch eine graphische Visualisierung dargestellt und sind auch zu hören. Aussagen aus dem Interview mit der Mutter werden eingespielt.